Eine der größten Illusionen überhaupt?
Menschen, die glauben, sie wüssten genau, warum andere Menschen etwas tun.
Du kennst diese Sätze.
„Der macht das nur, weil…“
„Die Wahrheit ist doch…“
„Eigentlich steckt dahinter…“
Mit einer Sicherheit vorgetragen, als hätte man direkten Zugang zum Innenleben des anderen.
Dabei passiert in Wirklichkeit etwas ganz anderes.
Sobald jemand beginnt, die Beweggründe eines anderen Menschen zu erklären, beschreibt er nicht den anderen.
Er beschreibt sich selbst.
Denn Menschen können nur aus dem erklären, was sie selbst kennen.
Wer selbst manipuliert, erkennt plötzlich überall Manipulation.
Wer selbst mit Bestrafung arbeitet, glaubt, jede Handlung wäre eine Strafe.
Wer selbst Machtspielchen spielt, ist überzeugt, dass hinter jeder Entscheidung ein Machtspiel steckt.
Und wer selbst Kontrolle braucht, kann sich kaum vorstellen, dass jemand einfach frei entscheidet.
Das Faszinierende daran ist: Menschen glauben, sie analysieren andere.
In Wirklichkeit legen sie nur offen, wie sie selbst funktionieren würden.
Das erinnert ein bisschen an Ärzte mit ihrem jeweiligen Spezialgebiet.
Der Endokrinologe sieht überall Hormone.
Der Ernährungsmediziner sieht überall Ernährung.
Der Psychologe sieht überall Kindheit.
Nicht unbedingt, weil es immer stimmt.
Sondern weil das ihre vertraute Erklärung ist.
Ihre Lieblingsdiagnose.
Und genau so funktionieren viele „Lebensanalysen“.
Menschen schauen auf eine Handlung, greifen in ihre eigene Erfahrungs- und Verhaltensschublade und ziehen die Erklärung heraus, die für sie selbst Sinn ergeben würde.
Fertig ist die Analyse.
Besonders spannend wird es dann, wenn jemand diese Sicherheit noch mit einer Art selbstverliehenem Expertenstatus kombiniert.
„Ich arbeite seit zwanzig Jahren energetisch mit Menschen.“
„Ich habe ein sehr feines Gespür für Energien.“
„Ich analysiere Menschen schon mein ganzes Leben.“
Klingt beeindruckend.
Ändert aber nichts am Grundproblem.
Auch zwanzig Jahre Erfahrung im Analysieren anderer Menschen geben dir keinen direkten Zugang zu deren Gedanken.
Gedankenlesen bleibt Gedankenlesen.
Nur weil jemand überzeugt ist, er könne Energien lesen, heißt das nicht, dass er plötzlich die wahren Motive eines anderen Menschen kennt.
Meistens passiert genau das Gleiche wie bei den Ärzten mit ihrem Spezialgebiet.
Man sieht das, was man gewohnt ist zu sehen.
Und erklärt dann mit großer Überzeugung, warum jemand etwas getan hat.
Dabei fehlt weiterhin nur eine Kleinigkeit.
Wissen.
Denn die Beweggründe eines Menschen kennt am Ende nur einer.
Der Mensch selbst.
Alles andere ist Interpretation.
Oder ehrlicher gesagt:
Projektion.
Und genau deshalb lohnt es sich, bei einer Sache genauer hinzusehen.
Wenn du mit jemandem sprichst, der dich „analysiert“ oder dir angeblich hilft, deine Situation zu verstehen, dann hör gut hin, wie dieser Mensch über andere spricht.
Wie erklärt er Menschen, die gar nicht anwesend sind?
Welche Motive dichtet er ihnen an?
Und noch wichtiger:
Welche Motive dichtet er dir an?
Fühlt sich das für dich stimmig an?
Oder merkst du plötzlich, dass dir jemand eine Geschichte über dich erzählt, die mehr über ihn aussagt als über dich?
Denn genau so funktionieren viele dieser „Deutungen“.
Da wird aus Interpretation plötzlich Wahrheit gemacht.
Und aus Vermutung wird Diagnose.
Besonders absurd wird es, wenn Menschen anfangen, dir andere Menschen zu erklären, die sie noch nie getroffen haben.
Zum Beispiel deinen Partner.
Dann sitzt du irgendwo bei einer Kartenlegerin, einem Energiecoach oder einem selbsternannten Menschenanalysten… und dieser Mensch erklärt dir ernsthaft, warum dein Partner etwas tut.
Ohne ihn je gesehen zu haben.
Ohne mit ihm gesprochen zu haben.
Nur mit Karten, Energien oder Intuition.
Ganz ehrlich.
Spar dir den Weg.
Du und sie liegen falsch.
Das einzige Mittel, einen anderen Menschen wirklich zu verstehen, ist ein direktes Gespräch mit ihm.
Alles andere ist Interpretation.
Oder, wenn wir ehrlich sind:
Charlatanerie.
Und meistens auch ziemlich lukrative Abzocke.




















