Einmal unten durch, immer unten durch.

Eigentlich müsste ich mal eine offizielle Mitteilung rausschicken. So eine Art Rundbrief an alle Menschen aus der Vergangenheit, die noch immer glauben, sie hätten ein Mitspracherecht in unserem Leben.

Etwa so:

Liebe ehemalige Mitspieler unseres Lebens,

vielen Dank für eure Teilnahme an Staffel eins.
Einige von euch waren wirklich… engagiert. Manche laut, manche dramatisch, manche erstaunlich kreativ in der Disziplin „Interpretation fremder Leben“.

Die Dreharbeiten sind inzwischen allerdings abgeschlossen.

Staffel zwei läuft bereits.
Neue Besetzung.
Neue Dynamik.
Und vor allem: ein komplett neues Drehbuch.

Trotzdem ist es beeindruckend, wie viele ehemalige Statisten noch immer versuchen, spontan ins Set zu laufen.

Meistens mit diesen wunderbaren Nachrichten.

Du weißt schon.

Diese epischen „Wenn-du“-Botschaften.

„Wenn du nur…“
„Wenn du endlich…“
„Wenn du mal verstehen würdest…“

Diese einzigartige Mischung aus Diagnose, Moralpredigt und Rettungsangebot.

Ich liebe sie.

Erst wird dir erklärt, warum dein Leben angeblich schief läuft. Natürlich aus sicherer Entfernung, ohne auch nur einen einzigen echten Einblick zu haben.

Und direkt danach kommt das großzügige Angebot der Erlösung.

„Ich könnte dir helfen…“

Kleingedruckt darunter:

Bedingung: Du musst nur dein ganzes Leben wieder so gestalten, dass ich mich damit wohlfühle.

Ein wirklich unschlagbares Angebot.

Besonders beeindruckend finde ich ja die spirituelle Version davon. Da wird dein Leben gleich kosmisch analysiert.

Karma hier.
Energie dort.
Universelle Lektionen inklusive.

Man könnte fast meinen, irgendwo gibt es eine Hotline zum Universum, über die manche Menschen regelmäßig Updates über dein Leben bekommen.

Und während ich solche Nachrichten lese, schaue ich meine Frau an und sage:

„Schatz, ich glaube, wir haben wieder eine Fernanalyse unseres Lebens bekommen.“

Was viele dabei nicht verstehen:

Vergangenheit ist kein Dauer-Abo.

Nur weil jemand irgendwann Teil deines Lebens war, heißt das nicht, dass er lebenslang kommentieren darf.

Abgehakt ist abgehakt.

Nicht aus Drama.
Nicht aus Wut.

Sondern aus etwas sehr Bodenständigem.

Abschluss.

Manche Menschen haben damit erstaunliche Schwierigkeiten. Sie erzählen der Welt, sie hätten längst losgelassen.

Und schreiben dir dann drei Jahre später eine Nachricht, die klingt, als wäre gestern noch alles offen gewesen.

Ich finde das faszinierend.

Vielleicht sollte ich wirklich einen Workshop anbieten.

Titel:

„Abschluss mit der Vergangenheit.“

Praxisorientiert.
Keine Meditation.
Kein Räucherstäbchen.
Nur eine sehr klare Lektion:

Wenn jemand nicht mehr Teil deines Lebens ist, dann ist er es nicht mehr.

Ende der Geschichte.

Mir wurde schon öfter gesagt, dass ich das ziemlich gut kann.

Ich vermute, ich habe das von meinem Vater gelernt.

Der hatte dafür eine herrlich einfache Lebensregel:

Einmal unten durch, immer unten durch.

Nicht besonders spirituell.

Aber erstaunlich effektiv.

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